Eleventy.at - Ausgaben - Themen - Titel - zurückblättern - weiterblättern

G E R D s

E L E V E N T Y

W I N T E R W E I S S

Vom kleinen Glück in und mit der Eurythmie

Mancher versäumt das kleine Glück, während er auf das Große wartet.
Pearl Sydenstricker Buck (US Schriftstellerin, Beschreibung chinesischen Bauernleben, 1892-1973 Vermont)

für meine Liebe unter Freunden in Bewegung

 

Zum einen habe ich (Gerd) mich neulich mit meiner Frau Margit unterhalten, dass im Künstlerischen stets die Versuchung wohnt, sich für etwas Besseres zu halten.
Damit einhergehend jene der (zu) hohen Ansprüche an sich selbst und am Socius (an seinen Mitmenschen) im Team.

Zwar kommt (mir) da gleich die Frage, ob dieser übertriebene Ehrgeiz nicht bloß in der Kunst, sondern generell im „professionellen“ - im Kontrast zum „laienhaften“ - Handeln zu finden ist … das wir beispielsweise seit einiger Zeit in der Politik zu spüren bekommen …

Aber dabei genügte es doch, sich (bloß) besser zu fühlen. Im Sinne von: ich fühle mich jetzt besser als zu Zeiten vor meinem Ausüben der jeweiligen Kunst.
Es genügte darin, einfach „nur“ gut zu sein, im Sinne (m)einer Zufriedenheit mit dem Erreichten. Es braucht (mir) nicht, der Beste sein und immer mehr erreichen zu müssen.

… Ei, du liebe Neun … die ihren Frieden mit sich und mit ihrem Socius gefunden hat.

 

Zum anderen bin ich - zeitlich vor der Unterhaltung mit meiner Frau - auf den Artikel „Dein Stern findet dich“, in der Mitte der 47. Ausgabe des „Wegweiser“, gestoßen.

Dort beschreibt eine Frau, wie sie zur Eurythmie (zum Seelenturnen) gekommen ist, und wie sie sich im Laufe der Jahre darin und mit ihr verändert hat. Dies beschreibt sie (mir) für den Alltagsmenschen auf verständliche Weise, und damit schließt sie jene Bewegungskunst für (uns) „normale“ Menschen auf.

Als ich jenen Artikel gelesen habe, hat sich in mir zunächst ein Staunen eingestellt, dass jene Erfahrungen schon in einem „Laienkurs“ gemacht werden und daraus in weiterer Folge Entwicklung erwächst. Mir ist es erstaunlich, dass mit so wenig schon so viel möglich ist … ein klein wenig Neid ? … Doch im Ihr freudigem Gönnen ihrer Erfahrungen breitet sich in mir eine Stimmung des Friedens aus … es ist einfach nur schön … (verströmend und weitend) … es ist gut so.

All dies führt mich weiter zurück zu meiner ursprünglichen Intention: mich nämlich im Alltag - in meinem Kontext wo ich eben gegenwärtig (beruflich, familiär, mit Freunden …) stehe - mit neuen Möglichkeiten zu bewegen.

 

Eine Entwicklung von innen her erlebt und empfunden, ist mir nicht so einfach kommunizierbar, weil sich so vieles ändert und allmählich in ein neues Gleichgewicht justiert … das kann Jahre dauern. Umso besser, wenn dies nun eine andere Bewegende beschreibt. So wird mir hierzu Resonanz möglich. Schön, über jemanden zu lesen, der es auch gut geht, und dazu noch auf ihre Weise. Dies erweitert auch mir meine Möglichkeiten der Sicht und Betrachtung zu jenen Tänzen, die ich meine.

Dazu einige Ausschnitte des Artikels, und was mich davon angesprochen hat:

… Wieder einmal melden sich heftige Rückenschmerzen. Diesmal suche ich nach einer Bewegungsschule, die mich mehr anspricht als langweiliges Turnen.
Qigong, Yoga und Feldenkrais habe ich bereits kennengelernt. Nun steht noch die Eurythmie auf meiner Probierliste.

Die Eurythmie-Stunde beginnt mit IAO. „Was das mit meinem Körper zu tun haben mag ?“, die Frage behalte ich einstweilen für mich. Die Lehrerin spricht die Vokale mit tragender Stimme. Ich nehme wahr, dass ich mich im I voller Leichtigkeit aufrichte. Das A kräftigt mich. Im O neigen wir uns vor, ich wanke - fürchte, dass ich stürzen könnte. Doch die Lehrerin beruhigt mich: „Sie brauchen gar nicht so viel „machen“, lassen Sie es vielmehr geschehen.“ Ihr Wollwohlen beruhigt mich. Jetzt fühle ich mich wieder sicher …

Diese Begebenheit gleicht mir dem Moll (im Verhältnis zum Dur) im Musikalischen. Darin darf mir etwas (entgegen) kommen. Ähnliches erlebe ich im Außenführen des Bewegens einer Form, worin ich dem Kommenden Raum gebe … gleich einer Formverwandlung einer Lemniskate zu einer harmonischen Acht durch das Umhüllen des Kommenden … B …

Dies sind zwar schon Beispiele aus jener Kunst selbst, doch sie mögen (mir) mal auch für sich selbst stehen, ohne schon gleich Gedichte oder Musikstücke sichtbar machen zu müssen. Denn wenn sie für sich selbst stehen, werden sie (mir) zu Gestaltungselemente im Bewegen, was mich bewegt.

 

Das Beugen und Strecken greifen wir in den Stunden immer wieder auf … Meine Wirbel erwachen aus ihrer Starre, ich werde flexibler, meine Schultern werden beweglicher. Das brauche ich.
Meine Mitmenschen staunen:
„Du wirkst so elegant.“ Ja, es stimmt, so plump wie vor Monaten trete ich nicht mehr auf.

Ich finde es schön, dass ihre Entwicklung für ihre Umwelt an ihr sichtbar wird und dass darüber auch gesprochen wird.
So regt ihre Verwandlung einen Dialog im Freundeskreis an, gibt neuen Gesprächsstoff, der mal
erfrischend anders ist, als die üblichen Themen der Medien und der Politik.

Jenes Sichtbarwerden ist mir gleich dem Musikalischen. Die Toneurythmie wird am Menschen sichtbar (die Lauteurythmie durch den Menschen).
Ist der Umwelt etwas aus
ihrem Lied sichtbar geworden ? … ein Lied aus ihrer Lebens-Melodie ?

 

… Wir laufen gerade und gebogene Formen im Raum, ziehen Schleifen nach links und nach rechts, nach vor und nach hinten sollen wir uns bewegen … Wie soll ich mir all diese Formen merken ? Das stresst mich; meinen Leistungsdruck kenne ich. Doch Schritt für Schritt reagiert mein Leibgedächntnis. Beim langsamen Wiederholen kann ich mir die Formen einverleiben. Was für ein großartiges Gedächntnistraining. Das möchte ich nicht mehr missen.

Einverleiben mal aus einer erfrischend anderen Perspektive … dies geschieht im mehrmaligen Wiederholen in langsamen Tempo.
Mir kommt hier das Element der Dauer hinzu. Das „In die Gewohnheit Bringen“, um damit arbeiten zu können (wie es Milan nennt), benötigt die Dauer zur bewussten Aktvität.

Dies führt (mich) weiter zum Bedarf des Übens … „learn by heart“, „einverleiben“, etwas „in Fleisch und Blut übergehen“ lassen … wie auch immer …

 

… Mein Beruf führt mich für mehrere Monate ins Ausland, in das lärmende Getriebe einer asiatischen Großstadt. Keine Eurythmie. Was kann ich alleine tun ? Die Lehrerin meint: „Führen Sie jeden Tag das IAO aus.“ Anfangs probiere ich es sieben Mal hintereinander, doch bald lande ich bei drei Mal, dann ein einziges Mal am Tag. An einem Tag vergesse ich sogar das - und siehe, am nächsten Tag wache ich mit dem Gedanken an das IAO auf. Noch im Liegen führe ich es geistig aus. Ich spüre eine zentrierende Wirkung.

Jetzt will ich etwas beitragen, damit ich weiterhin im Kontakt mit ihm bleibe: Einmal täglich gehe ich von nun an bewusst ins IAO.

Mit einem Gedanken aufwachen ? Hat sie zuvor geträumt ? Erinnert sie ihr Leib an etwas, das ihr fehlt ? Aus einem Traum zum Bild und zu einem Gedanken halte ich für möglich … dies kenne ich auch … Verwirklicht sie nun ihren Traum ?

 

… Wir stehen mit der Lehrerin im Kreis. Sie spricht die Worte eines mir unbekannten Gedichtes. In der Mitte des Textes berührt mich etwas tief in der Brust, etwas Helles, Warmes: „Ich fühle meinen Stern - mein Stern findet mich.“

Mein Stern hat keinen Namen. Spüre ich ihn, so ist er mir die Erde, die mich trägt / die Kraft die mich aufrichtet / das Licht das mir klar den rechten Weg weist, wenn ich nicht weiß, wie ich entscheiden soll. Mein Stern zeigt sich als stille Stimme, die in meinem Herzen erklingt. Spüre ich meinen Stern, so breitet sich unendliche Milde in mir aus. Jetzt komme ich zur Eurythmie, um das zu erleben. Die Übungseinheiten sind mir kostbar.

Sie hat Glück … Ich gönne ihr ihr Glück …

 

… Der Abschied von geliebten Menschen schmerzt, berufliche Krisen und gesundheitliche Probleme beleiben in diesen Jahren nicht aus. Wie kann ich all das bewältigen, wenn ich in die Schwre der Moll-Stimmung verfalle ? Die Toneurythmie stellt mich vor eine ungeahnte Herausforderung. Ich möchte mehr Dur-Akkorde hören, möchte mich voller Leichtigkeit drehen, will mich ablenken.

Als ich die Lehrerin darauf anspreche, erklärt sie worauf es ankommt: „Beides gehört zum Leben, das Schwere und Leichte. Es geht darum, dass wir das Gleichgewicht finden; im Wechselspiel von Dur und Moll erhalten wir Gelegenheit dazu.“

Diese Chance will ich nützen. Bewusst mit den Füßen die Schwere der Erde ergreifen - das holt mich zurück in die Realität, die jetzt zu durchleben ist.

Das Leben ist (auch mir) nicht nur schön. So erinnere ich mich z.B. an unsere politischen Debatten im Kreis der Seelenturnenden … Doch wir haben Glück im Unglück … Wir brauchen doch nur aufzugreifen, was wir gerade gemacht haben, meine ich oft dazu.

Zum Beispiel mich auf die Dissonanz der auseinandergehenden Meinungen einlassen, diese Dissonanz bewegen und darin in meiner Mitte bleiben (vielleicht sie sogar in dieser Dramatik finden), den Schmerz zulassen … vibrierendes I … zu mir nehmen, wie es uns Plamen gerade gezeigt hat … im Auflösen bei mir ankommen und dann weiter ins Handeln (im Dur), oder ins Verarbeiten (im Moll), oder einfach nur bei mir sein. Neulich habe ich das mit meiner Frau Margit übend bewegt. Sie hat es dann später ein paar Mal für sich mit den vorhin sich im Üben erwach(s)enden Bildern bewegt, da ist es ihr besser gegangen …

Ich denke, das Leben wird uns schön, wenn wir unser Glück der erhaltenen Mittel aufgreifen (etwa im Piano einer Melodie, welche sich in Sekunden von oben zu uns herabsenkt), womit wir schwierige Situationen im Leben zu bewältigen vermögen.

 

In dieser Zeit trägt die Toneurythmie zum Wiedererlangen meiner psychischen Balance bei.
Das empfinde ich als heilsam, ohne dass es Heilung oder Therapie genannt werden müsste. Dafür bin ich sehr dankbar.

… Herrlich ! Heute habe ich genau begriffen, was zu tun ist. Eifrig stelle ich mich in die vorderste Reihe (die anderen freuen sich ohnedies erleichtert darüber, dass ich ihnen ihr Vorne Sein abnehme). Hier kann ich ungehindert in den Raum nach vorne laufen. Ich bin ganz bei der Sache, ganz bei mir … Irgendwann bemerke ich, dass ich den Kontakt zu den anderen Teilnehmenden verloren habe. Ich spüre die Menschen nicht, die sich hinter mir zur Musik bewegen. Habe ich mich in Selbstbezogenheit von den anderen getrennt ?

Welchen Eurythmiker hat sie da jetzt nicht aus der Seele gesprochen ? Mir jedenfalls schon !
Ich denke, das Soziale ist auch hier die größte Aufgabe und Herausforderung. Ich denke aber auch, gerade hier kann sie aber auch gut am eigenem Leibe erlebt und gemeinsam geübt werden.

 

In den Stunden treffen charakteristische Gegensätze und verschiedene Temperamente aufeinander. Jede und Jeder nimmt auf eigene Weise den Übungsraum ein, vollführt kleinere oder weitausholende Gebärden. Doch nur als Gruppe können wir etwas gestalten, das umfangreicher ist als das, was wir als Einzelne vermögen.

Ich lerne nicht nur mich im Fokus zu behalten, sondern auch aufmerksamer auf die anderen Teilnehmenden zu achten. Offenbar liegt das vielen von uns am Herzen, denn immer wieder gelingt uns, ein Gruppenganzes zu bilden, sodass wir beim Bewegen harmonisch miteinander schwingen.

Vielleicht ergibt sich im Wertschätzen des Sozialen ein „Weniger ist mehr“ … weniger Komplexität und mitunter ein, zwei Gestaltungselemente oder -ebenen weniger zu Gunsten des gemeinsamen Bewegens. Je komplexer das (zu) Bewegende, desto schwieriger wird mir das Gemeinsame, oder anders: desto mehr bedarf es des Herzens-Anliegens und (daraus) mehr Zeit zum gemeinsamen Üben …

Klingt (mir) mitunter unbequem … bis die Entscheidung fällt, was wir/ich, unter gegebenen Rahmenbedingungen und im Behalten des Gemeinsamen, bewegen wollen/können/„müssen“ …

Diese persönliche Entwicklung hat weitreichende Folgen. Sie erleichtert mir die Kommunikation mit Kolleginnen und Kollegen, auch Teambesprechungen verlaufen angenehmer, meine Familie fühlt sich mehr beachtet. Das tut uns allen gut.

Eleventy.at - Ausgaben - Themen - Titel - zurückblättern - weiterblättern